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Gepostet by on 28.04.2015 in Allgemein, Strategiespiele, Workerplacement | 3 Kommentare

Caylus

Caylus

Spiel im Test


Es ist fast genau zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal vom Hype um ein noch nicht erschienenes Brettspiel angesteckt wurde. Das Thema um den Schlossbau in einem französischen Städtchen klang zwar nett, was aber damals vor allem herausstach war der Mechanismus, in dem es um das geschickte Einsetzen von Arbeitern, das Verketten von Aktionen und den gleichzeitigen Ausbau der Aktionsmöglichkeiten ging. Caylus war zwar nicht das erste Workerplacement-Spiel, hob das Genre allerdings auf ein neues Level und machte es einer breiten Spielerschaft erst bekannt. Auch wenn es heute im Schatten großer Nachfolger wie Agricola oder Tzolk’in steht, ist Caylus ein zeitloser Klassiker unter den sogenannten Eurogames. Was es so besonders macht, erklärt die folgende Kritik.

Direkt zum Fazit
Direkt zur Wertung

Ein Örtchen namens Caylus


Jeder der Spieler übernimmt die Rolle eines Baumeisters im mittelalterlichen Frankreich, der dem Ruf des Königs in den kleinen Ort Caylus gefolgt ist. Dort, nahe der Grenze, soll aus dem Nichts ein Schloss entstehen und die gewaltige Baustelle lockt Arbeiter, Händler und Handwerker aus dem ganzen Land an. Während der Prachtbau also gen Himmel wächst und die Baumeister um die Gunst des König kämpfen, wird aus der unbedeutenden Siedlung nach und nach eine florierende Stadt.

Caylus Test

Spielvorbereitung


Zu Beginn des Spiels gibt der Spielplan nicht viel her: Eine einzige Straße schlängelt sich von oben nach unten an Wiesen und Wäldern vorbei. Noch ist Caylus eine kleine Siedlung und es gibt kaum Gebäude am Straßenrand – dafür aber viel freien Bauplatz. So muss man dann auch nicht viel vorbereiten: Die Spielerreihenfolge wird ausgelost, alle Spieler erhalten die sechs Arbeiter ihrer Farbe, ein paar Rohstoffe sowie je nach Anfangsposition ein wenig Startgeld. Das frohe Bauen kann beginnen.

Der Spielablauf


Der Schlossbau legt die Rahmenhandlung für das Spiel fest und so spannt sich Caylus über drei Wertungsphasen, in denen zunächst der Bergfried, dann das Mauerwerk und schließlich die Türme gebaut und ausgewertet werden. Unabhängig von den Wertungsphasen folgt jede Runde dabei folgendem Prinzip:

  • Die Spieler erhalten ihr Einkommen
  • Reihum setzen sie ihre Arbeiter ein, bis jeder gepasst hat
  • Der Vogt wird versetzt und die Arbeiter auf dem Spielplan werden von oben nach unten aktiviert.
  • Der Schlossbau schreitet voran und eventuell folgt eine Wertung.
  • Nach der dritten Wertung ist das Spiel vorbei, ansonsten geht es mit der nächsten Runde weiter.

Das Leben als Baumeister ist nicht leicht, denn schon in der ersten Runde stehen dem Startspieler volle fünfzehn Möglichkeiten zum Einsetzen seines ersten Arbeiters offen. Nördlich der Brücke gibt es einige Spezialgebäude, südlich davon finden sich Produktionsgebäude, in denen man an die vier verschiedenen Grundressourcen Nahrung, Holz, Stein und Tuch gelangt, außerdem sind da noch die Marktplätze oder Zimmerleute, bei denen die Rohstoffe verkauft beziehungsweise in neue Holzgebäude gesteckt werden können. Die dritte große Option ist es, die eigenen Leute auf die Schlossbaustelle zu schicken. Abgesehen vom Schloss kann dabei auf fast jedem Feld nur ein Arbeiter stehen.

Caylus Spielplan

Passen und Preistreiberei


Wer arbeitet soll auch essen und so muss jeder Arbeiter beim Einsetzen sofort mit einer Münze bezahlt werden. Sobald der erste Spieler allerdings gepasst hat, fordern die Arbeiter einen höheren Lohn und müssen nun mit zwei Münzen entlohnt werden. Mit jedem Spieler, der die Einsetzphase beendet, werden die Aktionen also teurer und teurer. Ein interessantes taktisches Element, das oftmals zu schwierigen Entscheidungen führt.

Das wache Auge des Gesetzes


Bis hierhin ist Caylus ein relativ klassisches Workerplacement-Spiel. Dort beschränkt sich Interaktion oftmals darauf, dass Aktionen für andere Spieler blockiert werden. Mit dem Vogt kommt hier allerdings eine Dynamik hinzu, die Caylus bis heute zu einem besonderen Spiel seines Genres macht – denn nicht jeder eingesetzte Arbeiter garantiert, dass die Aktion auch ausgeführt wird. Nur, wer sich durch den Vogt beobachtet fühlt, wird tun, wofür er bezahlt wurde.

Korruption in Caylus


Nachdem der letzte Spieler gepasst hat, werden zunächst die Spezialgebäude nördlich der Brücke aktiviert, in denen sich Arbeiter befinden. Der Kontor bringt beispielsweise drei Münzen, während die Ställe die Spielerreihenfolge für die nächste Runde festlegen. Mit der Händlergilde kann außerdem der Vogt, zu Spielbeginn auf dem letzten neutralen Gebäude stehend, auf der Straße bis zu drei Felder nach vorne oder zurück gezogen werden. Wer seine Arbeiter sehr weit hinten auf der Straße platziert hat, wird hier mit gehobenem Puls zuschauen, denn sein ganzer Plan für die Runde könnte im nächsten Augenblick in sich zusammenfallen.

Zum Glück hört der Vogt aber nicht nur auf die Händlergilde, sondern ist auch ziemlich bestechlich: Nachdem die Spezialgebäude abgehandelt wurden, darf jeder Spieler, beginnend mit dem, der zuletzt gepasst hat, den guten Mann ebenfalls bis zu drei Felder in eine beliebige Richtung bewegen, muss allerdings für jedes Feld eine Münze zahlen. Wer also als erstes ausgestiegen ist, darf als letztes bestechen und hat dadurch einen taktischen Vorteil.

Der Reihe nach – Verkettung von Aktionen


Beginnend mit dem ersten Gebäude hinter der Brücke werden die Aktionen nun durchgeführt, allerdings nur bis zu dem Haus, auf dem der Vogt stehen geblieben ist. Alle Arbeiter, die weiter hinten eingesetzt wurden, verfallen – eine harte Konsequenz, die eine komplette Planung über den Haufen schmeißen kann. Caylus kann hier ohne Frage ein gnadenloses Spiel sein. Vor jedem eingesetzen Arbeiter sollte man sich also fragen: Kann ich garantieren, dass er auch aktiviert wird? Und wenn nicht – wie zentral ist er für das, was ich vorhabe? Es macht dabei Sinn, die eigenen Figuren nicht zu weit entfernt von denen der anderen Spieler zu platzieren, damit man im Zweifelsfall auf ein geteiltes Interesse bauen kann.

Für die aktivierten Arbeiter erhalten die Spieler dann Rohstoffe, treiben Handel, errichten Gebäude, bauen Wohnhäuser, bekommen Gold oder Prestige, wie die Siegpunkte hier heißen. So entstehen herrlich flüssige Aktionsketten: Auf einem Feld erhalte ich drei Rohstoffe, verkaufe einen davon später auf dem Markt, wandele die anderen beiden beim Alchemisten in Gold um, mit dem ich dann beim Architekten einen großen Prachtbau bezahle. So gibt es extrem viele Möglichkeiten, die allerdings in jedem Spiel und jeder Runde andere sind – denn die entsprechenden Gebäude müssen zunächst gebaut werden.

Caylus Brettspiel Aufbau

Eine Stadt wächst heran


Zeigt der Spielplan von Caylus anfangs noch eine Straße mit vielen leeren Bauplätzen, entstehen hier im Laufe des Spiels Stück für Stück weitere Gebäude und damit neue Optionen. Der Zimmermann baut Holzgebäude, der Maurer (der zunächst von Zimmerleuten ins Spiel gebracht werden muss) schichtet Stein auf Stein und beim Architekten können große Prestigebauten in Auftrag gegeben werden. Steingebäude bringen dabei den größten Ertrag, die Werke des Architekten am meisten Siegpunkte und wer beim Notar ein Wohnhaus anmeldet, erhöht sein Einkommen am Beginn jeder Runde.

Der Bau eines Gebäudes verschlingt zwar Ressourcen, bringt aber direkt Siegpunkte und kann dem Spieler auch später noch Prestige einbringen, wenn die Konkurrenz ihre Arbeiter auf das Plättchen stellt. Wer also früh eine auch für die Konkurrenz attraktive Aktionsmöglichkeit ins Spiel bringt, kann bis zum Spielende davon profitieren. Gleichzeitig entscheidet sich durch die Wahl und die Reihenfolge der Gebäude auch, wie das Spiel sich weiterentwickeln wird, denn nicht alle vorhandenen schaffen es in eine Partie Caylus. So ist letztlich kein Spiel wie das andere.

Das Schloss von Caylus


Stadt hin oder her – dem König liegt hauptsächlich daran, dass sein Prunkbau fertig wird und so endet jede Runde mit der Arbeit am Palast. Haben die Baumeister dort einen Arbeiter ihrer Farbe aufgestellt, dürfen sie sich nun zwischen Marmor und Mörtel austoben, sollten die notwendigen Rohstoffe vorhanden sein. Für jedes Teil des Schlosses erhalten die Spieler Prestige, wer in einer Runde die meisten Teile baut, bekommt außerdem eine Gunst des Königs verliehen und darf sich zwischen Prestige, Geld, Rohstoffen und Bauoptionen entscheiden. Auch bei jeder der drei großen Wertungen dürfen fleißige Baumeister sich über herrschaftliche Gaben freuen, die zudem immer wertvoller werden. Nachdem die Türme der Burg ausgewertet wurden, endet auch das Spiel.

Die unberechenbare Fülle der Möglichkeiten


Caylus war meine erste Begegnung mit dem Genre des Workerplacement, doch auch nach zehn Jahren steht das Spiel für mich ganz ohne jede Nostalgie neben Agricola auf dem Thron dieser Kategorie. Das liegt nicht nur an der reinen Fülle an Möglichkeiten, die wunderschön verwobene Aktionsketten hervorbringen und völlig verschiedene Wege zum Ziel offen lassen, sondern insbesondere an dem für diese Art von Spielen unüblich hohen Interaktionsfaktor. Hier geht es nicht bloß darum, der Konkurrenz die besten Aktionen wegzunehmen oder Züge zu verbauen. Auch wenn das natürlich ebenso möglich ist, gibt Caylus den Spielern mit der Figur des Vogts ein viel direkteres Mittel in die Hand.

Dieser lässt bestimmte Aktionen zum Tanz auf der Rasierklinge werden und fügt ein Risikoelement hinzu, dass man in einem Spiel, das komplett ohne Glück auskommt, nicht erwarten würde. Spieler erhalten damit die Möglichkeit, unglaublich gemein zu sein oder zu riskante Züge einfach gnadenlos zu bestrafen. Gleichzeitig bestimmt er die Geschwindigkeit, mit der sein träger Kumpan, der Sehneschall, sich am Ende jeder Runde bewegt. Steht der korrupte Beamte vor ihm sind es zwei Felder, ansonsten eines. Nach seiner Bewegung holt er den Vogt immer wieder an seine Seite und erweitert damit den Aktionsradius für die nächste Runde. Betritt er außerdem ein Wertungsfeld, führt das direkt zu einer Abrechnung des jeweiligen Schlossabschnitts. Auf diese Weise bestimmt der Vogt nicht nur über das Wohl und Wehe persönlicher Strategien, sondern auch über das Tempo des Spiels.

Caylus Brettspiel Aufbau

Anleitung und Material


Caylus ist ein hübsches Spiel und auch heute in einer Zeit, in der immer mehr Wert auf tolle Grafiken gelegt wird, noch ansehnlich. Sanfte Pastellfarben auf dem Spielplan, robustes Material aus fester Pappe, nette Grafiken – das ist durchaus stimmungsvoll. Dabei werden die Rohstoffe durch einfache Holzwürfel verkörpert, die Arbeiter sind schlichte, einfarbige Zylinder und bei den Häusern der Spieler hat man sich direkt bei den Siedlern von Catan bedient. Bei aller Funktionalität fällt allerdings angenehm auf, mit wie wenig Material Caylus auskommt. Lange Auf- und Abbauorgien stehen hier nicht an. Auch die Anleitung ist recht kurz gehalten und lässt mit vielen Bildern keine Fragen offen.

Fazit – wie gut ist Caylus?


Wer Caylus spielt, muss frustrierende Situationen ertragen können, das Gefühl, das entsteht, wenn der eine nicht aktivierte Arbeiter die gesamte Planung zu Staub zerfallen lässt. Gleichzeitig darf er sich darauf freuen, eine seltene Genreperle zu spielen, deren Spielbrett durch die Entscheidungen der Spieler wächst, deren Mechanismen unglaublich flüssig ineinandergreifend euphorische Momente bescheren und deren Thema im Gegensatz zu einigen anderen Eurogames tatsächlich sinnvoll und greifbar in das Spiel eingearbeitet wurde.

Caylus ist in meinen Augen ein absoluter Klassiker seines Genres und gehört auch zehn Jahre nach der Erstausgabe noch zur Spitzengruppe dieser Kategorie. Die letzte der insgesamt drei deutschen Neuauflagen erschien 2011, seitdem ist der Preis leider auf über 40€ gestiegen, für meinen Geschmack ist das etwas zu teuer. Wer bisher aber noch nicht in den Genuss dieses französischen Spitzenspiels gekommen ist, gerne gemeine Strategiespiele ohne jedes Glückselement spielt und mit den hier unvermeidlichen grübelnden Mitspielern zurecht kommt, sollte sich trotzdem gut überlegen, vielleicht doch einen Blick auf Caylus zu werfen. Es könnte sich lohnen.
(In einer früheren Version dieser Kritik wurde eine deutsche Neuauflage des Spiels für 2015 erwähnt, diese Info war leider auf den US-Markt beschränkt)

Hat dir diese Rezension gefallen? Sag uns gerne in den Kommentaren deine Meinung – wir freuen uns riesig über Lob, Anregungen und Kritik.

Caylus

Caylus
9

Strategie/Taktik

10/10

    Interaktion

    6/10

      Anleitung/Material

      8/10

        Spielspaß

        9/10

          Pro

          • - Immer noch eins der besten Spiele seines Genres
          • - Spielplan und Aktionsmöglichkeiten entwickeln sich im Lauf des Spiels
          • - Kein Glücksanteil
          • - Interaktion sorgt für unberechenbare Elemente und einen spannenden Risikofaktor

          Contra

          • - Beim Spiel zu fünft wird der Platz schnell knapp
          • - Derzeit leider nur noch für recht hohe Preise erhältlich

          3 Kommentare

          1. Sehr informativer, nachvollziehbarer Testbericht!
            Danke auch für die Info bzgl. der Neuerscheinung von Caylus, war mir noch nicht bekannt – gibt es hier eien Quelle wann und bei wem Caylus wiederkommt?

            • Moin und sorry, dass ich jetzt erst antworte! Ich hatte die Mailbenachrichtigung wegen zu viel Spam ausgeschaltet. Wenn Bots deine Seite erstmal im Visier haben.. :)
              Ich hab grad noch einmal nachgeschaut und die Info scheint sich leider auf den US-Markt zu beschränken (wo das Spiel derzeit 80 Dollar aufwärts kostet), dort wird es am 15. Juni von Rio Grande Games neu aufgelegt, siehe hier: https://boardgamegeek.com/thread/1333002/caylus-reprint-coming. Tja.. ich war mir sicher, dass das auch für den deutschen Markt gilt, aber viel günstiger als 40€ wird es wohl nicht mehr. Meine Version damals hat mich noch schlanke 25 gekostet, deswegen hatte ich einfach angenommen, dass die Neuauflage auch uns betrifft, schade. Tut mir leid, dass ich da eine Fehlinformation verbreitet habe, das wird im Text dann direkt geändert.

              • Das günstigste neue Caylus bekommt man aktuell wohl aus Frankreich, was bei einem sprachneutralen Spiel auch okay sein sollte, wenn man mit einer ausgedruckten Anleitung leben kann (gut 30€ plus saftiger Versand).
                Die englische Version wird es sicher auch nach Deutschland schaffen, dort aber erfahrungsgemäß auch teuer sein.
                Vielleicht kommt es ja mal wieder auf deutsch. :)

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