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Gepostet by on 28.07.2015 in Allgemein, Strategiespiele, Workerplacement | Keine Kommentare

Auf den Spuren von Marco Polo

Auf den Spuren von Marco Polo

Brettspiel im Test


Der Reisebericht „Die Wunder der Welt“ des venezianischen Kaufmanns Marco Polo, der im 13. Jahrhundert gemeinsam mit seinem Vater und seinem Onkel den ostasiatischen Raum bereiste, war eine der wichtigsten Quellen für spätere Reisende, Kaufleute und Entdecker. Die fantastisch anmutenden Erzählungen wurden gemessen an den Maßstäben der damaligen Zeit, wo der Buchdruck noch lange nicht erfunden war, ein internationaler Bestseller und sind bis heute immer wieder Grundlage für Filme, Serien, Bücher – und Brettspiele. So auch zuletzt im neuesten Streich der Tzolk’in-Autoren Daniele Tascini und Simone Luciani: Auf den Spuren von Marco Polo.

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Zwei bis vier Spieler übernehmen hier die Rollen der drei Kaufleute oder ihrer Wegbegleiter, etwa des mongolischen Herrschers Kublai Kahn oder des päpstlichen Gesandten Johannes Caprini, und versuchen über weite Reisen und einträgliche Aufträge den Sieg zu erlangen. In nur fünf Runden gilt es, ein Netzwerk aus Handelsposten zu errichten und gewinnbringende Geschäfte abzuschließen. Fünf Runden, in denen jeder Würfel zählt.

Auf den Spuren von Marco Polo Spielplan

Mit Würfelplacement über die Seidenstraße


In seinem Kern ist Auf den Spuren von Marco Polo ein Workerplacement-Spiel: Über unterschiedliche Aktionsfelder erhält man Ressourcen, Aufträge oder die Möglichkeit, seine Spielfigur auf dem schön gestalteten Spielplan über unterschiedliche Handelsrouten von Venedig über Moskau, Alexandria oder Sumatra bis nach Peking zu ziehen. Wie etwa in „Die Burgen von Burgund“ greifen die Spieler zum Einsetzen allerdings nicht auf Arbeiter, sondern auf Würfel zurück, die vor Rundenbeginn geworfen werden müssen.

Die Aktionen – Händler und Reisende im fernen Osten


Zu Spielbeginn stehen jedem Spieler noch dieselben Basisaktionen zur Verfügung, die reihum, Zug für Zug, genutzt werden dürfen: Im Tausch gegen einen oder mehrere Würfel können etwa am Markt Kamele, Pfeffer, Seide oder Gold erworben werden – je höher die genutzte Würfelzahl, desto mehr Waren wandern auch aus dem Lager auf die Spielertableaus. Genügt für Kamele oder Pfeffer allerdings noch ein einzelner Würfel, benötigt man für Seide bereits zwei und für Gold gleich drei davon. Ärgerlicherweise zählt immer die niedrigste Zahl, für vier der glänzenden Barren werden also gleich drei Sechsen fällig.

Gar nicht oder zumindest im Vergleich weniger relevant ist die Würfelzahl bei den Feldern für Geld, Aufträge oder der sogenannten „Gunst des Khans“, bei der ein einzelner Würfel für eine beliebige Ressource plus zwei Kamele reicht. Da man hier immer größer oder gleich der zuletzt gelegten Zahl einsetzen muss, kann man die Mitspieler zwar theoretisch mit einer Sechs blockieren, praktisch bleibt es aber zumeist bei niedrigen Augenzahlen.

Zuletzt gibt es noch das Reisefeld: Für zwei Würfel und eine mit der Entfernung steigende Münzenzahl darf die Spielfigur bis zu sechs Felder weit bewegt werden. Erst die Reise macht aus einem soliden Spiel ein großartiges und „Auf den Spuren von Marco Polo“ in meinen Augen auch für Vielspieler unglaublich reizvoll. Denn über Handelsposten eröffnen sich regelmäßige Einkünfte und völlig neue Aktionen, die sich in ihrer Kombination in keinem einzigen Spiel gleichen.

Auf den Spuren von Marco Polo Test

Der Spielplan und die volle Vielfalt


Jeder Spieler startet seine Reise in Venedig, von wo aus es drei verschiedene Routen über Land und über Wasser, durch fruchtbare Oasen, kleine Städte und große Metropolen des Mittelalters bis nach Peking ins Herz des Mongolenreichs Kublai Khans führen. Für die Reise müssen zwar je nach Abbildung auf dem Spielplan weitere Kamele und Münzen gezahlt werden, wer seine Reise aber in einer der Ansiedlungen beendet, kann dort sofort einen Handelsposten einsetzen. Kleine Städte geben direkt einen Bonus, etwa fünf Münzen oder drei Kamele, große Städte schenken demjenigen, der sie zuerst besucht, ebenfalls einen besonderen Empfang in Form von Handelswaren, einer weiteren Reisemöglichkeit oder auch einem zusätzlichen Würfel bis zum Rundenende.

Besonders interessant wird das Reisen neben diesen Boni allerdings aus einem anderen Grund: denn die kleinen Städte werfen zu Beginn jeder Runde einen Ertrag ab, während die großen Städte sogar ein völlig neues Aktionsfeld schaffen. Hier kann etwa Gold in Siegpunkte getauscht, Geld für eigene Handelsposten kassiert oder Kamele zur Weiterreise verwendet werden. Insgesamt bietet „Auf den Spuren von Marco Polo“ volle 31 verschiedene Stadtkarten, bei nur neun großen Städten ist also kein Spiel wie das andere. Da die Handelswege kaum miteinander verflochten sind, muss gleichzeitig bereits zu Spielbeginn eine Strategie überlegt werden. Auch wenn es darum geht, am Ende Siegpunkte einzufahren.

Zielkarten und Spielende


Jeder Spieler erhält beim Spielaufbau zwei Zielkarten, auf denen jeweils wieder zwei Städte abgebildet sind. Wer am Ende des Spiels in allen diesen Städten einen Handelsposten stehen hat, darf einen großen Sprung auf der Siegpunktleiste machen, während ein einziger gebauter Ziel-Handelsposten auch nur einen mickrigen Punkt beschert. Weitere Punkte erhalten die Spieler am Ende für ein Handelshaus in Peking, Geld, Ressourcen und die meisten erfüllten Aufträge. Die Wertungsleiste, auf der vorher die Siegpunkte für Aufträge, für spezielle Stadtaktionen und Bonuspunkte für acht oder alle neun platzierte Handelsposten abgebildet wurden, kann so noch einmal gehörig durcheinandergewirbelt werden.

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Welche Rolle spielt das Glück?


Ein Workerplacement-Spiel und Würfel – kann das gut gehen? Die Antwort auf diese Frage ist überraschenderweise ein eindeutiges „Ja“, denn tatsächlich wirkt es zu keinem Zeitpunkt so, als würden die Würfel das Spielgeschehen dominieren. Für ein, zwei oder drei Kamele darf man etwa einen Würfel neu werfen, die Augenzahl um eins nach oben oder unten korrigieren, oder einen zusätzlichen schwarzen Aktionswürfel für diese Runde erwerben. Gleichzeitig sind hohe Zahlen nicht in jeder Situation hilfreich. Wer etwa ein belegtes Aktionsfeld auswählt, muss die Augenzahl des niedrigsten eigenen Würfels in Münzen als Zusatzkosten zahlen, auf Dauer werden hohe Würfelzahlen also teuer, wenn man ein Feld nicht als erster nutzt.

Wer mit einem Würfel gar nichts anfangen kann, darf ihn außerdem jederzeit in drei Münzen umwandeln und damit niemand für einen katastrophal schlechten Wurf zu Rundenbeginn bestraft wird, darf die Differenz zu einer Gesamtaugenzahl von fünfzehn beliebig durch Münzen und Kamele aufgefüllt werden. Es gibt also einen unbestreitbaren Glücksfaktor, „Auf den Spuren von Marco Polo“ tut aber gleichzeitig alles, damit dieser nicht zu sehr zur Geltung kommt. In dieser Form ist er ein willkommenes, auflockerndes Element.

Wenn Regeln gebrochen werden – die Charaktere


Allein mit den in jedem Spiel völlig neu zugeteilten Stadtkarten ist für genug Abwechslung gesorgt, den ganz besonderen Reiz geben dem Spiel allerdings die acht verschiedenen Personenkarten. Zu Spielbeginn wird zufällig eine Karte mehr gezogen, als Spieler teilnehmen, gewählt wird entgegen der Spielerreihenfolge, abschließend mit dem Startspieler.

Jeder einzelne der Charaktere hebelt die Spielmechaniken dabei grundlegend aus. Berke Khan muss beispielsweise keine Kosten für die Nutzung besetzter Aktionsfelder zahlen, Matteo Polo hat einen Aktionswürfel mehr und bekommt jede Runde einen kostenlosen Auftrag, Raschid ad-Din Sinan muss nicht würfel, sondern kann einsetzen was er will und Marco Polo, der gemeinsam mit seinem Vater Niccolo reist, hat gleich zwei Figuren auf dem Spielplan und erhält jede Runde ein Kamel aus dem Vorrat.

Auf den ersten Blick klingen einige dieser Charatere viel zu stark, aber auf den zweiten Blick ist die Balance erstaunlich gut gelungen. In keinem unserer bisherigen Spiele wirkte es so, als wäre jemand durch die Fähigkeit seiner Personenkarte übermäßig bevorteilt. Zum einen hat der Charakter also einen angenehm starken Einfluss auf das Spiel und jeder einzelne spielt sich völlig anders, zum anderen haben alle Spieler absolut faire Chancen auf den Sieg. Das ist starkes Spieldesign mit hohem Wiederspielreiz.

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Fazit – wie gut ist „Auf den Spuren von Marco Polo“?


Das kam unerwartet. Gerade denkt man noch, alles an Workerplacement-Spielen gesehen zu haben, ist überzeugt davon, dass kein neuer Vertreter dieses Genres mehr nachhaltige Begeisterung entfachen könnte, und dann kommt auf einmal „Auf den Spuren von Marco Polo“ um die Ecke. Das beginnt beim extrem hochwertigen Spielmaterial und der schönen Optik und endet bei der Komplexität, die sich im schlichten Spieldesign nach und nach entfaltet. Das ist einfach von vorne bis hinten gut gemacht.

Man möchte nicht nur jeden Charakter einmal gespielt haben, allein der Mal für Mal völlig neue Spielaufbau reizt dazu, verschiedene Taktiken auszuprobieren und besonders gut funktionierende Aktionsfeld-Kombinationen herauszufinden. Dabei kommt die Interaktion zwar wie bei den meisten Workerplacement-Spielen etwas kurz, aber irgendwie gehört diese (fast) komplette Planbarkeit ja auch zum Genre. Kritischer ist da schon die Frage, inwiefern die Charaktere die Spielweise vorgeben. Wer etwa mit Wilhelm von Rubruk nicht viel auf Reisen geht, hat im Spiel keine Chance. Meiner Meinung nach hält sich das in Grenzen, zumal man den Charakter selber aussuchen kann, aber wer Spiele mit identischen Ausgangspositionen mag, wird hier eventuell nicht glücklich.

Sehr viel Licht und wenig Schatten also – und das bei einer unglaublich kurzen Spieldauer. Auf der Schachtel wird eine Spielzeit von 20-25 Minuten pro Spieler angegeben und dieses Versprechen wird hier tatsächlich einmal eingehalten. So war Marco Polo das erste komplexe Spiel seit langer Zeit, das wir nach dem ersten Versuch direkt ein zweites Mal gespielt haben. Und wenn man nach einer guten Stunde Spielzeit nicht das Gefühl hat, es mit einem spielerischen Leichtgewicht zu tun gehabt zu haben, dann haben die Autoren offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Derzeit kommt „Auf den Spuren von Marco Polo“ bei uns jedenfalls immer wieder auf den Tisch und kann allen Freunden gepflegter Eurogames aus vollem Herzen empfohlen werden.

Abschließend ein paar Worte zur diesjährigen Wahl zum Kennerspiel des Jahres, bei der Marco Polo es mit der Begründung, zu komplex zu sein, nicht auf die Auswahlliste geschafft hat. Das Spiel ist in weniger als 20 Minuten erklärt, schnell gespielt und von der Komplexität kaum höher einzuschätzen als etwa Village. Wenn man das nun schon als zu schwer für den fortgeschrittenen Brettspieler einschätzt, ist das meiner Meinung nach eine Entwicklung in die falsche Richtung.

Meinen herzlichen Dank an den Hans im Glück-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Hat dir diese Rezension gefallen oder bist du anderer Meinung? Hinterlasse gerne einen Kommentar – wir freuen uns riesig über Lob, Anregungen und Kritik.
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Auf den Spuren von Marco Polo

Auf den Spuren von Marco Polo
8.5

Strategie/Taktik

9/10

    Interaktion

    3/10

      Anleitung/Material

      9/10

        Spielspaß

        9/10

          Pro

          • - Hoher Wiederspielwert
          • - Für diese Komplexität unglaublich kurze Spieldauer
          • - Acht komplett verschiedene Charaktere
          • - Starke Balance

          Contra

          • - Kaum Interaktion
          • - Charaktere geben die sinnvollste Strategie teilweise vor

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